Sommer
Es war Sommer. Es war ein äußerst heißer Sommer, und er lag auf einer Wiese im Park. Seit einigen Wochen hatte er keine Arbeit. Sein Vater war gestorben, darum hatte er sich unverzüglich seinen gesamten Jahresurlaub genommen, und die meisten seiner Kollegen hatten das vollstes Verständnis dafür.
So lag er an diesem Mittwoch im Park, die Augen auf die Wolken gerichtet, und träumte vor sich hin. Ein leichter Wind umspielte seine Nase. Die windzugewandte Seite seines Gesichts war bereits ausgekühlt. Auf die Andere strahlte die Sonne so stark, dass er einen Sonnenbrand fürchten musste.
Er dachte an seinen Vater. Er hatte einen guten Vater gehabt, dachte er bei sich. Im Laufe seines Lebens hatte er einige Eltern kennengelernt, von denen bei Weitem nicht alle gut gewesen waren. Bei manchen war er sogar heilfroh, dass sie nicht die seinen waren. Sein Vater immerhin hatte ihn zu einem ruhigen, überlegten, solidarischen Mann gemacht, der, wenn schon nicht überall beliebt, so doch wenigstens respektiert und akzeptiert wurde. Er hatte ein gesundes Verhältnis zu Frauen. Kurzum: Er hatte zweifelsohne das nötige Rüstzeug fürs Leben bekommen. In dieser Hinsicht konnte er seinem Vater eigentlich nichts vorwerfen; alles, was er vorwerfen könnte, wären penible und unfaire Kleinigkeit, die man einem jungen Vater, der gerade selbst erst ein Mann geworden war, nicht zum Vorwurf machen durfte.
Die Wolken zogen vorüber. Der Wind wehte. Die Sonne schien. So viele sinnliche Erfahrungen. Er hatte sein Handy extra zu Hause gelassen, auch wenn jederzeit eine wichtige Nachricht hereinkommen konnte. Es kommen doch immer wichtige Nachrichten herein.
Nachdem sein Vater gestorben war, wurde ihm seine eigene Sterblichkeit noch einmal in einem anderen Ausmaß bewusst. Und auch, dass er den Großteil seiner Zeit mit Instagram, Twitter und Reddit verbrachte, wurde ihm plötzlich auf eine erdrückende Weise bewusst. Eine Melancholie überkam ihn – jene Art von Melancholie, die den Schleier der Welt lüftet und alles darunter so schrecklich klar erscheinen lässt. In dieser Melancholie schwelgte er seit einigen Tagen. Mittlerweile hatte er gelernt, sie zu mögen. Sie war nicht unbedingt ein negatives Gefühl; die Klarheit, die sie brachte, hatte etwas Schönes. Und auch das erdrückende Gefühl der Einsamkeit, das er trotz seiner Familie, trotz seiner Frau, trotz seines Kindes empfand – das Gefühl, in diesem, seinem Körper, eben doch nur allein mit seinen Gefühlen zu sein und nur das unzulängliche und anstrengend einzusetzende Instrument der Sprache zu besitzen, um andere an diesem Inneren teilhaben zu lassen.
Es war tragisch. Das Leben war tragisch. Eine tragische Schönheit, die man nie fassen, sondern nur umschreiben kann. Nur kurz, beim Betrachten eines Bildes, beim Schauen eines Films, beim Lesen eines Buches – nur für einen flüchtigen Moment lassen sich die tragisch schönen Fäden, die unser aller Leben spinnen, entwirren, sodass man es in einer sortierten Klarheit wiederfindet. In einer Klarheit, die sich sogleich wieder verwirrt und zu tarnen weiß.
Er stand auf, fühlte noch einmal das Gras zwischen seinen Zehen, die Sonne auf seiner Haut, den Wind an der Seite. Er zog sich die Schuhe an und ging nach Hause. Er freute sich auf die Küsse seiner Frau und auf das Geschrei seines Sohnes. Morgen würde er wieder zur Arbeit gehen.