Drachen

Müde saß er an seinem Schreibtisch. Dunkle Ringe unterstrichen seine klaren blauen Augen. Man konnte sehen: Er hatte nicht gut geschlafen. In letzter Zeit hatte er viele dieser Morgende. Morgende an denen es schwer war aufzustehen, nach Nächten die ihn wachhielten.
Ein kleiner Stempel neben ihm. Mit diesem segnete er jedes Papier damit es den Dunst des Offiziellen erhielt.
Wenn man müde ist kommt einem alles so unfassbar weit weg vor.
Der nächste trat ein. Nach jedem Besucher wurde den Mitarbeitern eine kleine Pause von etwa 5 Minuten gegönnt.
Er sah die junge Dame durch den Gang auf ihn zutreten und auch, wenn sie wohl durchaus ansehnlich war und bei manch einen Mann, besonders bei einem Mann in seinem Alter, eine Leidenschaft hätte erwecken können, so lag doch ein zu dichter Nebel vor seiner Wahrnehmung, als das er ihre Schönheit hätte würdigen können.
Hallo, sagte er und wartete auf das flüchtige Hallo gefolgt von seiner Frage, auf welche wiederum eine Antwort folgen wird, was denn der Anlass für den heutigen Besuch war.
Sie kam aus dem Ausland. Aus irgendeinem Land in Afrika. Über die Geographie dort war er sich nicht sicher, sodass er das genannte Land und die daraus zu folgernden Schlüsse nicht ziehen konnte. Sie zumindest nur hätte mit erheblich mühen ziehen können, sodass er es lieber gleich lies.
Sie will sich hier melden, habe endlich die Aufenthaltserlaubnis erhalten und konnte nun umziehen. Weg vom Ort ihres Studienkollegs, der irgendwo in der ostdeutschen Prärie lag, hin zu uns in diese Stadt. Ich tat das übliche: Händigte ihr die Meldebestätigung aus. Sie verabschiedete sich freundlich, ich tat es ihr gleich und trug noch einige Eckdaten aus ihrem Fall in ein Formular ein.

Er steht an der Kaffeemaschine. Ein kurzer Ausatmer. Ein kurzer Einatmer ein kurzer Moment, um neue Energie für das nächste Lächeln, für den nächsten Besucher zu sammeln. Seine Kollegen traf er diesmal nicht. Er stand ganz alleine an der Maschine und schaute auf sein Handy. Ein missglückter Überfall, ein Zugunglück, Proteste. Warum es sich diese Nachrichte anschaute wusste er nicht. Noch ein Katzenvideo, noch ein Katzenvideo, eine chinesische Oma die kocht und Schluss.
Jetzt wieder Arbeit.

Wieder am Schreibtisch loggte er sich ein und prompt wurde der nächste Besucher seinem Tisch zugeordnet. Er sah ihn am Ende des Ganges. Ein sehr alter Mann. Ein Mann der zerbrechlich wirkte und doch nicht den Anschein erweckte als bräuchte er Hilfe.
Die Schuhe fielen auf. Es waren teure Schuhe. Loafer. Loafer die man auf einen Sommeranzug hätte tragen können, etwa für eine Hochzeit. Jedenfalls standen sie im starken Kontrast zu seinem sonstigen Outfit. Vorallem, dass die Schuhe so sauber waren. Sie sahen aus als wären sie gerade erst gekauft Sein Anzug hingegen, wer trägt heute schon noch einen Anzug, sein Anzug war anders. Alt war er und abgetragen. Ein grüner Anzug der zu seiner Blüte bestimmt von Geschmack gezeugt hätte. Heute erregte er jedoch nur noch mitleid. Wie ein Artefakt aus einer anderen Zeit. Ein Artefakt welches man allerdings nicht sehr gut gepflegt hatte, dachte er.
Der Mann erreicht letztendlich den Schreibtisch setzte sich hin.
Hallo sagte er und wartet auf das Hallo seines Gegenübers, welches auch kam. Was kann ich für Sie tun. Ein blick in die Augen, ein Lächeln. Eingeübt und abgespuhlt. Trotzdem war da ein wahrhaftiges Interesse. Warum auch sonst hätte er sich die Mühe machen sollen diese Abfolge einzustudieren. Ich würde mich gerne Ummelden, sagte der alte Mann. Dann brauche ich Ihren Namen, sagte der Büroarbeiter. Der ist lang, sagte der Mann, ich schreibe es auf. Er muss Fremd auf Sie wirken und wir wollen ja, dass Sie die beste Chance haben mich in Ihrem System zu finden. Auch wenn ich befürchte, Sie werden mich nicht finden.
Eine Augenbraue ging hoch. Diese Antwort wich vom Skript ab, ab jetzt ist Freestyle angesagt. Ok, sagte der Büroarbeiter, der fast etwas glücklich ob der Abwechslung war. Der Zettel, auf dem tatsächlich ein sehr langer Name stand, wurde herübergeschoben. Finger glitten über die Tastatur. Kein Ergebnis. Verwirrung. Panik.
Nichts gefunden?, frage der Mann. Nein, sagte der Büroarbeiter. Schweiß stieg auf seine Stirn. Er kannte allerdings den Ort an dem er suchen musste. Ich bin gleich wieder da, antwortete er zum Mann gerichtet, es scheint Sie sind noch nicht im System. Es tut mir sehr leid, mir ist Schleierhaft, wie das geschehen kann. Ich muss sie händisch Suchen. Zum Glück halten wir vorsichtshalber eine physische Datenbank von allen wichtigen Daten der Bewohner unserer Einzuggebiets. Sie müssen sich leider auf ein etwas längere Wartezeit vorbereiten. Gehen Sie doch wieder in den Wartebereich. Ich mache mich direkt auf den Weg. Er stand auf ging um den Schreibtisch. Ging den Gang entlang in Richtung des Archivs.

Warten Sie noch einen Moment, ich kenne Ihren Namen garnicht, sagte der Mann und hielt ihm am Arm, wollen Sie sich nicht vorstellen? Yve, sagte ich, meine Name ist Yve. Verwirrt von dieser Frage ging ich weiter. Die Frage hatte mich tatsächlich so überrascht, dass mir die Unverschämtheit die darin lag nach meinem Namen zu fragen garnicht aufiel war. Es war allerdings auch egal. Ich ging weiter und kam in ein schmuckloses Treppenhaus. Ich stieg hinab in den Keller. Eine Treppe. Noch eine Treppe. Eine weitere Treppe. Mittlerweile war die Wand nichtmehr gegipst und die rauen Kellerwände, die vermutlich bereits seit Jahrunderten standen, waren noch zu sehen. Ich bin auf der obersten Ebene des Kellers angekommen. Hier wurde alles mögliche gelagert, von dem man sich noch nicht trennen konnte. Alte Drucker, Monitore, Tische. Die physische Datenbank beginnt in der nächsten Ebene. Im Geschoss -2. Schon lange war niemand mehr dort unten. Tatsächlich wurde die Ebene so selten betreten, dass sich noch nie jemand die Mühe machte, die Lampe, die vor einigen Jahren ausgebrannt war, zu wechseln. Aus diesem Grund war eine Fackel in einer Fackelhalterung an der Wand angebracht. Ich nahm mein Feuerzeug aus der Tasche, nahm die Fackel, tunkte sie in ein Fässchen Fett, welches bereitlag, und zündete sie an. Die Rauchentwicklung war zuerst stark, wahrscheinlich weil sich soviel Staub auf der Fackel abgelegt hat, doch dann fing die Fackel an sauber abzubrennen.
Ich führte meinen Abstieg fort. Die Fackel schien mir den Weg. Meine Füße waren so gewohnt an die DIN genormten Stufen, dass ich das Licht der Fackel fast nicht brauchte. Die nächste Etage war erreicht. Sie bestand aus einem riesigen Raum, voller Aktenschränke. In jedem stets 100 Leben gelagert. Da der gesuchte Name allerdings mit einem Z anfing und auch mit einem z weiterging, musste ich wohl noch einige Ebene tiefer.
Hallo Isabell, sagte ich zu der Archivarin gewandt, die an einigen Schränken herumhantierte. Sie war eine sehr junge Frau. Eine sehr hübsche Frau. Als ich hier anfing dachte ich mir immer wieder Ausreden aus, um ins Archiv zu gehen nur um einige Blicke mit ihr zu tauschen. Ich bildete mir ein, dass auch sie diese erzwungenen Besuche genoss. Sie, die immer in dieser Dunkelheit arbeitete. Lange wollte ich sie einladen, allerdings traute ich mich nie und auch jetzt, das wusste ich, werde ich mich nicht trauen. Ein glitzern in den Augen, ein kurzer Moment der Hoffnung. Ich muss dann mal weiter, sagte ich zu Isabel. Die Hoffnung wich aus ihrem Blick, ja, ich muss auch weiter arbeiten, sagte sie.

Auf der nächsten Etage erinnerte der Keller an einen Verließ. Die Wände und die Decke waren feucht. In meinem Kopf erschien das Bild eines Ungeheurs, in dessen Mund ich mich bewegte. Ich schaute durch die Aktenschränke, schaute und schaute. Der Zeigefinger glitt über die Akten, aber nirgendwo war der Name, der auf dem Zettel geschrieben war, zu finden. Nachdem ich den Namen nicht an der richtigen Stelle finden konnte durchsuchte ich noch einige umliegende Aktenschränke allerdings ohne Glück. Musste ich wieder hochgehen? Musste ich dem freundlichen Mann sagen, dass er nicht existierte? Ich könnte es an meinen Vorgesetzten weiterleiten, allerdings wollte ich das nicht.
Erstmal mache ich mir einen Kaffee. Die Fackel leuchtete mir den Weg zur Kaffeemaschine. Ich drückte auf einen Knopf. Die Mühle arbeitete, ein frischer Kaffee kam heraus. Er half weder gegen die Müdigkeit noch gegen die Sorgen, doch war mein Blutdruck jetzt hoch und meine Hände zitterten.
Aus Verzweiflung ging ich durch den Raum, alte Foltermaschinen, aus einer vergessenen Zeit waren wir ungenutzte Tische an die Wände geschoben und zeugten von einer dunkleren Zeit. Innerlich machte ich drei Kreuze, dass diese nie wieder angewandt werden.
Aufeinmal sah ich an der Wand zwei Fackelhalter. Sie standen da, als würden sie einen Eingang umrahmen und tatsächlich ein Rundbogen umrahmte das, was offensichtlich eine Tür war. Eine Tür die zwar zugemauert war, allerdings ohne Mörtel. Man konnte die Stein einfach herunternehmen. Ich begann die Steine, einer nach dem anderen, herunter zu nehmen. Ein Durchgang zu einer Wendeltreppe eröffnete sich. Ich begann meinen Abstieg. Ich hoffte das es der Letzte war. Immerhin wusste ich: all die Stufen werde ich wieder nach oben gehen müssen.
Mit jeder Stufe wurde die Luft wärmer, wärmer, wärmer. Die Stufen waren hier nichtmehr aus Stein, sondern aus fetgetretener und geformter Erde. Unten angekommen stand ich auf Kiesboden. Kies gemischt mit ein bisschen Stroh. Es wirkte wie ein Stall. Es war Stockfinster doch ob der Akkustik konnte man sich erschließen, dass es ein sehr großer Raum sein musste. Ein Atmen traf auf mein Ohr. Ein ruhiges Atmen. Ein gleichmäßiges Atmen. Die Quelle konnte ich noch nicht ausmachen, dafür musste ich mich erst konzentrieren. Für den Moment hörte ich nur dieses hypnotische Atmen. Es löste eine Ruhe in mir aus. Es war ein dunkles Atmen. Das Wesen, welches so atmete, musste riesig sein. Vorsichtig Schritt ich durch den Raum, auf der Suche nach diesem majestätischen Wesen.
Zuerst kam ich an einer riesigen durchsichtigen Folie vorbei. Bei nähere Betrachtung fiel mir allerdings auf, dass es keine Folie war. Es war eine Haut. Wie eine Schlangenhaut. Hat es hier unten gehäutet?
Von der Größe dieses Hautfetzens war auf die enorme Größe dieses Wesens zu schließen

Nach kurzer Zeit traf ich auf einen Schwanz. Schuppen. Reptil! Braun und lang und dick. Ich ging den Schwanz entlang. Langsam ging er in einen gewaltigen Oberkörper über. Angezogene Flügel auf dem Rücken. Auf und Ab und Auf und Ab. Eine ruhige gleichmäßige Bewegung, synchron mit dem Atmen. Ich ging noch weiter und die Fackel erhellte nun ein Gesicht. Eckig. Hart. Mager.
Ein Drache. Dort lag ein Drache vor mir. Ein ruhig atmender Drache. Von ihm ging eine so hypnotische und beruhigende Ausstrahlung aus. Bei nähere Betrachtung merkte ich, dass die Haut sich bereits aufs neue beginnt zu lösen. Anscheinend wird diese Bestie bald aufs neue seine alte Haut abglegen und ein neues Aussehen annehmen.
Die Vorstellung, das unter meinem Amt ein Drache lebt, beruhigte mich. Die Müdigkeit, die ich bereits den gesamten Tag fühlte, kam endlich über mich. Und ich erlaubte mir diese Müdigkeit zu fühlen. Ich lehnte mich an seinen Bauch. Auf und Ab und Auf und Ab. Ich kuschelte mich an sein Bein und schlief in der Sicherheit der Bestie ein.