Machtlosigkeit

Auch wenn es im postkolonialen Afrika spielt, beschreibt dieses Buch ein langsam in mir wachsendes Lebensgefühl. Ein Lebensgefühl, welches in weiten Teilen der Welt wohl schon lange Alltag ist und wohl auch den größeren Teil der menschlichen Geschichte beschreibt.

Das Buch beschreibt das Leben eines jungen Mannes, der sich langsam in die politischen Verstrickungen seines Landes verirrt und durch eine Reihe von Zufällen dem Kandidaten seines Wahlkreises als Kandidat einer kommunistisch-revolutionären Partei entgegentritt. Er strebt nach Selbstbestimmung und Freiheit, schafft es allerdings nie, der politischen Ränkeschmiederei und der Fremdbestimmung zu entkommen. Er bleibt stets Teil dieser Gesellschaft, die sich nicht gemeinsam politisch organisiert, sondern in der sich jeder „seinen Teil des nationalen Kuchens" herausschneiden will. Stets ist er nur „Subjekt" Anderer. Auch wenn er immer wieder kleine Erfolge feiern kann, gelingt es ihm nicht, zu entkommen.

Ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den Mächtigen wird in diesem Buch transportiert. Man weiß, wer oben ist, man weiß, was er tut. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er moralisch, finanziell und zwischenmenschlich korrupt und ungebildet ist. Er greift grobschlächtig in das persönliche Leben ein und nimmt sich ein übergroßes Stück des „nationalen Kuchens". Dies trifft auf den Antagonisten des Buches, Chief Nanga, zu. In ihm sehen wir das Abbild einer neuen, rücksichtslosen, zynischen und dreisten politischen Kaste, die sich in der amerikanischen Regierung und in den rechtspopulistischen Bewegungen Europas wiederfindet. Auch wenn die Frustration in einem wächst, man hat keinen Hebel, keine Macht, um sich gegen diese Elite zu wenden. Man selbst bewegt sich in ihrer Welt und die von ihnen vorangetriebene Weltgeschichte fegt einfach über einen hinweg. Das ist das Gefühl, welches Chinua Achebes »A Man of the People« transportiert. Ein Gefühl, das für mich, der im Kern der westlichen Welt aufgewachsen ist und sie nie wirklich verlassen hat, bis zu Trump ein unbekanntes war. Ein Lebensgefühl der Machtlosigkeit, welches in den letzten Jahren immer stärker in mir wächst und von dem ich meine, es auch in anderen zu erkennen. Gespräche mit Freund:innen und Durchhalteromane wie der Bestseller »22 Bahnen«, dessen Hauptfigur es auch nie gelingt, den sie umgebenden Verhältnissen zu entkommen – die sie immer wieder nur zu rechtfertigen weiß –, sind Zeugen dieser Entwicklung. Ich beginne in einer Welt zu leben, die um mich herum passiert, während ich lediglich damit beschäftigt bin, das Meine vor den Unwägbarkeiten der Zukunft zu schützen. Die Zumutungen der Obrigkeit – wie die immer wieder angedrohte Wehrpflicht – werden Tag für Tag mehr, machen Angst und schüren Unsicherheit, befeuert von Figuren wie Elon Musk und seinen geistigen kleinen Brüdern wie Alexander Dobrindt oder Christian Lindner. Eine Welt, die zweifelsohne schon immer für einen Großteil der Menschen Realität war und vermutlich auch bleiben wird, hat sich mir in den letzten Jahren geöffnet und wird in diesem Buch gezeichnet.