Gewalt
Es gibt Abendessen. Es gibt Tiefkühlschnitzel, gekaufte Pommes und Kartoffelsalat.
"Wie war die Schule?" beginnt der Vater der Familie, die Stille des Esstisches zu durchschneiden. Die Frage ist an die Tochter gewandt.
„War gut", sagt diese knapp.
„Was habt ihr gemacht?"
„Mathe, Deutsch, Geschichte."
„Was macht ihr gerade in Mathe?"
„Mathe halt", antwortet sie knapp. „Bruchrechnung", ergänzt sie.
Stille. Das Gespräch ist erst einmal vorbei. Alle haben ihre Pflicht getan.
Platsch. Ein Löffel mit Reis fällt auf den Boden. Der Boden ist dreckig.
„Ach Gott." Die Mutter springt auf, irgendwoher hat sie einen Lappen in der Hand und kniet schon unterm Tisch und wischt den Reis auf.
„Mein armer Schatz. Mein ganz armer Schatz. Ist er dir wieder runtergefallen?" sagt sie mehr zu sich als zu irgendwem sonst. Über ihr: der Übeltäter, der die Mutter in diese Pose gebracht hat. Derjenige, der den Boden mit Reis beschmutzt. Er sitzt da. Unbeteiligt. Den neutralen Blick auf die kniende Mutter gerichtet.
„Mein armer Schatz", wiederholt die Mutter. Beide Hände an den Backen, kneifend.
„Lass gut sein", sagt der Vater. „Der versteht das doch sowieso nicht."
Ein giftiger Blick der Mutter gegen den Vater.
„Er versteht viel mehr als du denkst!", sagt die Mutter. „Er versteht alles. Schau doch nur, wie wissend er dreinschaut. Mein armer Schatz."
„Lass ihn in Ruhe. Er ist mittlerweile 15", sagt die Tochter, die neben ihrem Bruder sitzt.
„Der ist nicht so zerbrechlich wie du denkst, er ist ein Junge. Er ist fast erwachsen." Sie ist gereizt.
„Ach, mein armer. Schau ihn dir doch an, der arme."
Ausdruckslose Augen blicken zurück.
„Ich werde mich ewig um dich kümmern, hörst du, ewig. Immer wenn du mich brauchst, bin ich da, dann bin ich da!!"
„Ach Mama, lass das! Sofort! Sonst steh ich auf und geh. Ich kann mir das nicht anschauen."
Auf diese Drohung hin lässt die Mutter tatsächlich gut sein, allerdings nicht ohne einen weiteren gequälten Blick zu ihrem Schatz.
„Du musst wirklich aufhören, ihn so zu bevormunden. Wie soll er denn jemals selbst eine Entscheidung treffen? Wie soll er denn jemals selbst für sich Verantwortung übernehmen, wenn er ständig hinterhergeräumt bekommt? Du versaust ihn, Mutter."
„Ach, guck ihn dir doch an, der arme. Er kann nicht selbst essen. Warum verstehst du das denn nicht? Er kann es einfach nicht. Er wird es auch nie lernen. Er hat dieses LEIDEN, dieses schreckliche LEIDEN."
„Das ‚Leiden'. Dieses Leiden ist nicht irgendein Leiden. Es ist er. Er ist kein Leiden, er ist einfach mein kleiner Bruder!" Sie schnaubt vor Wut. „Wenn du so weiter machst, dann... dann." Die Worte verqueren sich in ihrer Kehle.
„So sprichst du nicht mit deiner Mutter, junge Dame."
„Fick dich. Und die soll sich auch ficken." Sie nickt in Richtung ihrer Mutter.
Der Vater steht auf. Geht um den Tisch. Herausfordernd blickt die Tochter ihren Vater an. Er greift sie am Kragen. Holt aus. Ein Schlag links. Ein Schlag rechts. Wenn auch nicht mit seiner gesamten Kraft, dann doch mit genug Kraft, um zwei rote Wangen zu hinterlassen. Zwischen diesen roten Wangen stehen Tränen in den Augen.
Als der Griff um den Kragen sich lockert, rennt die Tochter in ihr Zimmer. Das Essen ist nicht gegessen. Sie mag es sowieso nicht. Sie mag Fleisch nicht. Sie mag es nicht, wie sie alles nicht mag, was ihre Familie tut. In diesem Moment fühlt sie eine tiefe Abscheu vor ihren Eltern.
Sie schlägt die Tür hinter sich zu.
„Die kriegt sich schon wieder ein", löst der Vater die Situation und schaut seine Frau an, die mit steinernem Lächeln am Tisch sitzt. Deren Worte sich einfach im Hals verqueren. Sie will schreien, doch kann es nicht. Es kommt nichts heraus. Kein Schrei, kein Fluch. Immerhin hat die Tochter es sich auch selbst eingebrockt. Kennt sie doch die Erziehungsmethoden ihres Vaters.
Mittlerweile sitzt der Vater wieder still neben seiner Frau, gegenüber seinem Sohn. Die Windel ist voll.