Bugonia - Ideologisierung der Vernunft

Bugonia, der neue Film des griechischen Filmemachers Yorgos Lanthimos, deutet auf eine analytische Lücke hin, die der Mainstream nicht zu füllen weiß.

Das koreanische Original ist unstrukturiert in der Umsetzung und unklar in der Deutung – umso faszinierender ist es, dass Lanthimos aus dieser Geschichte eine handwerklich überragende Geschichte über die Struktur gesellschaftlicher Macht und die Hilflosigkeit der Vielen macht.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein junger Mann. Er ist ein besessener Verschwörungstheoretiker. Er glaubt, dass Aliens die Menschheit unterwandert haben und viele Machtpositionen besetzen. Eine Vertreterin dieser Aliens sieht er in seiner Chefin. Belege für diese Verschwörungstheorie bietet er dabei nicht. Das grundlegende Argument Teddys lässt sich auf „Trust me, bro" herunterdampfen. Als Teddy seinen Cousin schließlich chemisch kastriert, ist das Publikum überzeugt: Er ist verrückt.

Auf der anderen Seite steht die eben genannte Chefin. Ein Girl Boss, wie sie im Buche steht. Das Abbild der neoliberal erfolgreichen Frau. Sie hat alles im Griff, ist sportlich, dominant und intelligent. Kurzum: Sie ist Teddy in jeglicher Hinsicht überlegen.

Was also kann Teddy tun, wenn er gegen dieses „Alien" antreten will? Ihm bleibt nichts übrig als die rohe Gewalt einer Entführung, das Festketten, das gelegentliche Foltern. Er hat keine Beweise, keine Fakten, mit denen er diese extremen Maßnahmen rechtfertigen könnte. Er hat lediglich das diffuse Gefühl: Hier stimmt etwas nicht.

Dies ist sehr ähnlich, schaut man sich Verschwörungstheoretiker in der Realität an. Auch sie sind eigentlich Antagonisten des aufgeklärten Menschen, und doch versuchen sie, mit dem Finger auf etwas zu zeigen, was zweifellos da ist, was sie allerdings aus verschiedensten Gründen nicht zu benennen wissen. Das sind wohl keine Reptiloiden oder die flache Erde – aber die Beobachtung, dass sie entmachtet sind, ist nicht falsch.

Verschwörungstheorien werden in diesem Film als Symptom einer Hilflosigkeit gezeigt. So ist Teddy selbst dann, wenn er die Chefin im Keller festgekettet hat, immer noch unterlegen. Das wird in jedem Dialog klar. Die Chefin kontrolliert die Situation. Rhetorisch ist sie geschickt, ihre Argumentation ist stimmig und nachvollziehbar. Den Protagonisten frustriert diese Argumentation zutiefst. Die von Teddy ausgehende Gewalt wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie ausgeübte Macht und mehr wie der unbeholfene Versuch, wieder die Oberhand zu gewinnen.

Es ist ein Film, der verschiedene Ebenen des Konflikts zeigt: eine stumpfe, ungerichtete Gewalt und eine wissenschaftlich fundierte, rhetorische Auseinandersetzung.

Sehr bekannt kommt uns die Argumentation und Einordnung Emma Stones vor – ist sie doch die viel wiederholte und vielzitierte Mainstream-Argumentation im Umgang mit Verschwörungstheorien. Es wird Therapie empfohlen, es wird auf Fakten hingewiesen, die Lücken in Teddys Argumentation werden nach und nach aufgezeigt. Emma Stone ist glaubwürdig für den aufgeklärten Zuschauer, allerdings unbefriedigend für Teddy. Denn die oben benannte Unstimmigkeit in Teddys Erfahrung der Welt bleibt bestehen.

Bugonia zeigt den Umgang mit der Ungerechtigkeit unserer Welt und die Auswirkungen einer unehrlichen und unausgereiften Erklärung dieser. Der Film zeigt mit dem Finger auf die Lücke in der neoliberalen Erzählung der amerikanischen Demokraten und der deutschen „Mitte". Schaut man den Film, fühlt man die Wahrheit, die nicht ausgesprochen wird: die Ausgestoßenen, die Zurückgebliebenen, die Dodesukaden. All jene, die den gesellschaftlichen Wohlstand erarbeiten, von ihm allerdings weitestgehend ausgeschlossen sind. Sie sind kein Fehler im System, kein Ausdruck individuellen Versagens. Sie sind vitaler und essentieller Bestandteil des gesellschaftlichen Gefüges.

„Wär' ich nicht arm, wärst du nicht reich" – so propagiert der deutsche Literat Bertolt Brecht vor knapp einem Jahrhundert und füllt damit die Lücke, die Teddy so verzweifelt zu füllen versucht. So passt es auch perfekt, dass Teddy am Ende recht behalten soll: Emma Stone ist ein Alien, die Welt ist ihr Versuchslabor. Das absurde Gefühl Teddys war korrekt – was ihn allerdings keinesfalls zum Helden dieser Geschichte macht.